Der Tod vom kleinen Treffen

29.12.2015
Früher hießen sie Meet Ups oder GLT für Gothic Lolita Treffen, jetzt gibt es sie nur noch vereinzelt:
Das offene, normale Treffen mit Gleichgesinnten.

Früher, ja früher war alles besser, gell? Wenn man die Anzahl von Treffen betrachtet, stimmt das sogar. Früher gab es vor allem in der Sommerzeit so gut wie jedes WE ein Treffen irgendwo in der Umgebung und sicherlich mehrere zeitgleich in Deutschland. Mittlerweile ist die Zahl der öffentlichen regelmäßigen Treffen auf eine Handvoll in Deutschland bzw. deutschsprachigen Raum geschrumpft, z.B. im Berliner Raum, Frankfurter a.M. Raum, Wien, Ruhrpott usw. Man kann sich schon glücklich schätzen, wenn man eine aktive Treffenreihe in der Nähe hat, der alle paar Wochen stattfindet.
Nun was ist in der Zwischenzeit geschehen, dass es diese Entwicklung genommen hat? Ich denke, es hat mehrere Gründe dafür, die ich hier nach und nach aufrollen möchte.


1. Grund: Zerstreutheit
Damals gab es für die Lolitas in Deutschland einen Online-Anlaufpunkt für alle: Der Gothic Lolita Zirkel auf animexx. Auch ich selbst habe dort den ersten Kontakt mit weiteren Lolitas aufgenommen und mein Wissen hergezogen. Da alles in einem Ort abgelaufen ist, konnte man so besser sehen, wo welche Treffen stattfinden und auch allg. schneller Interssierte für ein Treffen zusammenbringen.
Heutzutage findet der virtuelle Austausch auf verschiedene Plattformen statt, vorrangig auf Social Media Plattformen. Nehmen wir als Beispiel Facebook, wahrscheinlich die jetztige Nr. 1. Dort organisieren sich der Großteil der Treffen in eigene Gruppen und es geben unter sich die Informationen weiter. Eine Sammelstelle für all diese Informationen gibt es nur wenige, zum einem auf Dunkelsüß und jetzt neu auf Court of Fables.
Dennoch ist es sehr schwer und unübersichtlich all dies zusammenzutragen und verlangt sehr viel mehr an Arbeit als zuvor. Sprich man weiß gar nicht wirklich, wo welche Treffen stattfinden und es ist schwieriger einen zu finden und sich anzuschließen.

- Rothenburg Tea Party 2014 -
2. Grund: Treffenkultur
In meinen Augen hat sich auch die Mentalität für Treffen stark verändert. Wo früher jeder heiß war, auf ein Treffen zu gehen, ist jetzt die Nachfrage stark geschwunden bzw. es ist verlagert worden.
Große Events wie Lolita Tea Partys von privaten Anbietern/Vereinen, Marken-Events wie auf der Japan Expo in Paris oder deutschen Conventions, z.B. angekündigt die Putumayo Tea Party auf der Dokomi 2016, ziehen die Aufmerksamkeit der Szene an sich und stillt die Gierde nach dem öffentlichen Auftreten sowie gemeinsamen Zusammenkommen und Erleben. Und diese Events gibt es mittlerweile viele in einem Jahr und überall auf dem Kontinent verstreut, wo die meisten nicht scheuen, die Entfernung und Kosten auf sich zu nehmen. Da bleibt wenig Elan und Motivation für kleine öffentliche Treffen über.

3. Grund: Privat
Auf der anderen Seite lagert sich das kleine Zusammentreffen mehr und mehr auf private Treffen aus. Man hat einen eigenen Freundeskreis innerhalb der Lolitas gefunden, wo man sich auch außerhalb der Mode sich super versteht, und es ist erstens einfacher, da kurze Mitteilungswege, und erfreulicher, da alle untereinander bestens befreundet, sich so zusammen zu kommen. Das funktioniert natürlich nur unter den Leuten, die sich bereits kennen. Für Neulinge oder Außenstehende sind die privaten Treffen nicht sichtbar und müssen auf öffentlich ausgesprochene Meet Ups warten, die dadurch evtl. seltener werden.

4. Grund: Spontanität
Was ich auch sehr oft beobachte, sind sehr spontan ausgerufene Treffen im Bekanntenkreis. Wie auch bei Punkt 1 spielt auch hier Social Media-Plattformen eine wichtige Rolle, da man so schnell Informationen austauschen kann. So wird innerhalb kürzester Zeit ein kleines Zusammenkommen organisiert, und auch hier in einem semi-geschlossenen Kreis, nämlich in dem wo es gepostet wird. Ich nenne es semi-geschlossen, weil es meist nicht für die Allgemeinheit gedacht ist, sondern für einen gewissen Kreis, der je nach Nutzer mal mehr oder weniger groß ist. Öfter kommt dieser Aspekt auch mit den privaten Treffen zusammen.


5. Grund: Inaktivität
All dies zusammen gezählt, äußert es sich in eine allg. Inaktivität der Lolitas nach Außen hin. So geschieht es, dass geplante Events platzen oder beim Treffen nur wenige sich einfinden. Das baut bei den Organisatoren dementsprechend Frust auf, da man als Einzelperson evtl. viel Mühe gemacht hat und dann wenig bis gar nichts zurückkommt. Die Folge ist, dass die Organisatoren abdanken, und so sinkt auch einfach das Angebot an Treffen, da die Nachfrage nicht gibt.

Ist diese Entwicklung nun schlecht oder gut?
Nun in meinen Augen ist es keine schlechte Sache. Denn die allg. Aktivität der Szene hat sich nicht verkleinert, wenn nicht sogar sich vergrößert, da früher große Events als Seltenheit betrachtet wurden und jetzt mittlerweile auch von Fans für Fans organisiert werden kann. Es ist eher eine Verschiebung der Events, weg von kleinen Sachen hin zu Veranstaltungen. Es verändert aber dementsprechend die Szenekultur, weg von Jugendszene-Mentalität hin zur Konsumgesellschaft evtl.?
(Ich bin kein Anthropologe oder derartiges, der diese Entwicklung wissenschaftlich untersuchen und genauer beschreiben kann.)


Wie immer bei meinen Lolita Talks:
Es ist meine eigene Meinung! Ich will niemanden vorschreiben, wer wie was zu denken hat. Es ist kein Vorwurf und ich will damit keine bestimmte Person ansprechen.

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